Es sei ihm eine Ehre, mit Paul Preuss in Verbindung gebracht zu werden. Mit diesen Worten kommentierte Heinz Mariacher (65), Extrembergsteiger aus Tirol, den Beschluss der Internationalen Paul-Preuss-Gesellschaft (IPPG), ihm als achtem Bergsteiger den Paul-Preuss-Preis zu überreichen.

Mit Heinz Mariacher prämiert die Internationale Paul-Preuss-Gesellschaft einen Kletterer, der vor allem in den siebziger und anfangs der achtziger Jahre das alpine Sportklettern revolutioniert hat. Der sympathische, jetzt in Südtirol lebende, stets bescheiden gebliebene Tiroler hat mit seinen außerordentlich schwierigen, wunderbaren Routen Meilensteine gesetzt und die Leistungsgrenze im Klettern ohne künstliche Hilfsmittel in damals nicht für möglich gehaltene Dimensionen gehoben. Vor allem mit seiner Route "Moderne Zeiten" im Jahr 1982 an der Marmolada hat er alpine  Geschichte geschrieben.

Die Dolomiten waren und sind heute noch sein "Freikletter-Wunderland". Seine Routen, kreativ, elegant, wunderschön von der Linienführung her, konsequent ohne Bohrhaken gesichert und meist mit seiner kongenialen Partnerin Luisa Giovane geklettert, waren unglaublich beeindruckend für nachfolgende Kletterergenerationen.

Zwei besonders „Preuss-nahe“ Episoden sind ihm im Gedächtnis geblieben: „Mein Solo- Abenteuer als Elfjähriger im Rofan, pure Begeisterung für Felswände und kompromissloses Akzeptieren einer Herausforderung (V+), ohne jegliche Kletterausrüstung oder alpinhistorisches Wissen. Später, in den 70er-Jahren als gereifter Kletterer, liebte ich spontane Alleinbegehungen, am liebsten ohne vorherige Kenntnis der Routen. Dabei praktizierte ich das Konzept des Auf- und Abkletterns, nicht weil ich Preuss gelesen hatte, sondern weil es vor allem im Frühjahr das beste System war, um verschneite Abstiege zu vermeiden.“ 

Auf sich allein gestellt ins Unbekannte zu klettern sei durch nichts zu überbieten, und das Seil durch Abklettern zu ersetzen eine logische und natürliche Entwicklung, sagt Mariacher, der 1979, nachdem er an der Marmolata den Confortoriss free solo erklettert hatte, „tief überzeugt (war,) dass die Zukunft des Kletterns seilfrei sein würde“.

Die Entwicklung des Sportkletterns sah Mariacher aber kritisch: Mit dessen Verbreitung wurde, so Mariacher, „Klettern als spirituelles Erlebnis … durch streberhaftes Leistungs- und Wettbewerbsdenken ersetzt“. Das war nicht mehr seine Welt, und so fiel ihm die Entscheidung leicht, seine „Karriere“ als Kletterprofi durch eine seriöse berufliche Entwicklung aufzugeben. Er betätigte sich an der Entwicklung und dem Vertrieb für Kletterschuhe, blieb aber seiner Leidenschaft fürs Klettern treu, ohne sich „an allgemeine Trends anzupassen“.

Mit dem Paul-Preuss-Preis befindet sich Heinz Mariacher in prominenter Gesellschaft. Die bisherigen Preisträger: 2013: Reinhold Messner; 2014: Hanspeter Eisendle; 2015: Albert Precht (✝); 2016: Hansjörg Auer (✝); 2017: Alexander Huber; 2018: Beat Kammerlander; 2019: Bernd Arnold.

Dr. Paul Preuss (1886-1913) aus Altaussee im steirischen Salzkammergut, Sohn jüdischer Eltern, verzichtete bewusst auf jegliche Sicherungs- und Hilfsmittel, sogar das Abseilen lehnte er ab. Binnen weniger Jahre gelangen ihm 1200 Fels-, Ski- und Hochtouren, davon 150 Erstbegehungen und 300 Alleingänge, in allen Teilen der Alpen. Am 14. Oktober 1913 wurde er, vom ersten Schnee bedeckt, tot am Fuße der Nordkante des Mandlkogels im Gosaukamm gefunden; die genauen Umstände seines Todes blieben ungeklärt.

Die Internationale Paul-Preuss-Gesellschaft kreierte 2013 diese Auszeichnung für herausragende Kletterer, die Freiklettern im Sinne und auch im Stil von Paul Preuss konsequent und über Jahre praktiziert haben. Nicht kurzfristige Höchstleistung, sondern ihr alpines Lebenswerk wird mit diesem Preis gewürdigt.

09.08.2020